14. August 2017

Der Kleine mit dem Bogen



Ich traf heute den Kleinen
im Park auf einer Bank.
Ganz leis hört ich ihn weinen,
Ich fragte, ob er krank?
Ein Flügel war gebrochen,
es schmerzte ihn wohl sehr.
Es war der Schulterknochen,
und vielleicht noch mehr.
Er sah mich an so schmerzlich
und reicht mir seine Hand,
ich bedauerte ihn herzlich,
als ich ihn dann verband.
Ich reicht ihm seinen Bogen,
der Köcher war schon leer.
Sicher wär er gern geflogen,
doch das ging nun nicht mehr.
Ich nahm ihn mit nach Hause,
dort wartete mein Schatz.
Er brauchte eine Pause,
wir hatten ja noch Platz!
Heute nach dem Frühstück
setzt er mit Dank die Reise fort,
wünschte uns noch Glück,
ist nun an einem anderen Ort.
Drum liebe Leute, wenn ihr
in meinem Park spazieren geht,
achtet auf die Bänke hier,
ob Amor nicht daneben steht!
©by Wildgooseman

9. August 2017

Hofleben damals



Neblige Perlen auf taunassem Gras.
Eine dicke, schwarzbunte Kuh frass
wahrscheinlich viel zu viel Klee.
Jetzt tut ihr grausam der Pansen weh.

Die weissen Gänse am Weiher dort
sie möchten liebend gerne fort;
dahin, wo in den Wolken droben
ihre Verwandten die Freiheit loben.   

Eine Hühnerschar da auf der Wiese,
vierundzwanzig sind es nach Adam Riese,
legt die Eier noch nach alter Weise -
aber ganz bestimmt nicht leise.

Der bunte Hahn auf dem großen Misthaufen
möchte mit dem Konkurrenten gern raufen.
Doch leider kräht der zu weit in der Ferne,
das ist zu viel Stress, drum bleibt er gerne.

Ein paar Schweinchen vergnügen sich in der Suhle.
(Das ist eine schlammige, nasse Kuhle.)
Die Sau passt gut auf, denn das ist ihre Pflicht,
doch mitzusuhlen, nee, das mag sie nicht.

Auf der Weide zwei Schimmel traben geschwind,
sehr elegant, wie zwei Federn im Wind.
Sie freuen sich des Lebens, weil sie gerne laufen -
doch morgen will sie der Bauer verkaufen.

Der Kater auf der Tenne schleicht durch das Stroh,
da war doch ein Mäuschen? Er weiss nur nicht, wo!
Die Maus sitzt im Nest, hat sich schnell versteckt
und hofft, dass der Kater sie nicht entdeckt.

Nero, der Hofhund liegt konzentriert vor der Hütte,
überwacht den ganzen Hof, das ist ja so Sitte!
Er würde auch lieber durch die Felder jagen,
doch er traut sich nicht, den Bauern zu fragen.

Ja, so war es früher, auf dem Bauernhof das Leben.
In dieser Form wird es das nie wieder geben!
Heute berechnet der Computer den Ertrag auf dem Feld,
und was dann dabei rauskommt, ist bares Geld.

©by wildgooseman

3. August 2017

Ein schöner Tag

Ein schöner Sommertag. Ist es hier im Park nicht herrlich? Die Sonne lacht, es ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Toll! Man bekommt so richtig Lust, der Natur zu folgen und die verschwiegenen Pfade des Parks entlang zu wandern. Dort die alte Bank lädt mich zu einer Rast ein. 

Da, wenn du das hören könntest, eine Amsel singt ihre wunderbare Melodie, auch wenn es vielleicht immer gleich klingt, es erscheint trotz allem jedes Mal anders. Und dort in dem uralten Baum das Eichhörnchen. Das Tierchen im rot-bunten Fell huscht zwischen den Zweigen der hohen Buche herum. Immer auf der Seite, die mir abgewandt ist. Wer gibt ihr das wohl ein?
Dann auf dem Rasen die schwarze Dohle, ihr grauer Schopf leuchtet hell vor ihrem schwarzen Federkleid! Nun schaut sie zu mir herüber, was mag sie denken? Denkt sie überhaupt? Jetzt wirft sie mit dem Schnabel einen Stein auf den Gehweg. So etwas sah ich noch nie. 

Konrad Lorenz würde sagen, das ist eine Übersprunghandlung! 
Schade, dass ich mich mit dem Vogel nicht unterhalten kann. Das müsste spannend sein. Ich würde mich gern mit ihm über die Menschen unterhalten. Ob die Dohle negativ über mich denkt? 
Warum interessiert mich das eigentlich, was ein schwarzer Vogel über mich denken würde? 
Hah - ich glaube ich spinne. Ja, aber trotzdem, was denkt er wohl über mich? Ob er weiß, dass ich ihn mag? Nein, sicher nicht, woher wohl. 


Es sind kaum zehn Schritte, die mich von ihm trennen. Jetzt bloß keine hastigen Bewegungen machen, ich möchte gern, dass er näherkommt.
Tatsächlich, der Schwarze ist nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Er schreitet - ganz recht - er schreitet auf der Rasenkante des Weges entlang auf mich zu. Die hellen Äuglein beobachten mich aufmerksam.
Da liegt ein kleiner Zweig auf dem Weg. Der Vogel hüpft von der Steinkante herunter, geht um den Zweig herum, fasst ihn mit dem Schnabel am dünnen Ende und zieht ihn vom Weg herunter auf den Rasen!
Parkreinigung auf Vogelweltart, man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. 


Das Vogel auf dem Rasen sucht irgendetwas zwischen den Grashalmen, wirft dabei den Kopf in die Höhe, zupft dann etliche längere Grashalme aus dem Rasen.
Plötzlich kribbelt es in meiner Nase. Ein starker Niesreiz quält mich, ich versuche ihn zu unterdrücken, vergeblich! Ohne Vorwarnung für die Dohle entlädt sich eine gewaltige Eruption. Erschrocken und mit voller Lautstärke schimpfend flattert der Vogel davon. Zwischen den Bäumen heraus höre ich ihn noch weiter motzen. Ich kann ihn gut verstehen. Jetzt ist sein Urteil über mich wohl nicht mehr so positiv, wie ich vorher annahm. Na gut. War halt höhere Gewalt.


Plötzlich ist auch das Eichhörnchen wieder da, emsig und nur in ganz kurzen Abständen einhaltend, jagt es über den Rasen zum nächsten Baum. Warum lässt man es nicht für Deutschland bei den Olympischen Spielen starten? Da wäre man bestimmt sicher, dass es nicht unter Dopingverdacht gerät ...
Bevor ich nun  noch ganz anfange, zu spinnen, werde ich noch ein paar Kilometer wandern. 
Auf Wiedersehn, ihr fröhlichen Parkbewohner!
©by Wildgooseman 

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31. Juli 2017

Wo ist die Heimat?

Über fünf Jahrzehnte war es jetzt her. Eine unendlich lange Zeit. Die Soldaten in den erdbraunen Uniformen hatten die Jungen geholt. Mitten aus der Schule. Ein halbes Jahr nach Kriegsende gab es das noch immer. Menschen verschwanden, waren plötzlich nicht mehr da! Einfach weg, ohne eine Spur zu hinterlassen. So wie von Jan auch keine Spur zu finden war. Die Kommandantur hüllte sich in Schweigen.
»Ich nix wissen, du raus, dawai.«
Alles wartete auf seine Rückkehr. Vergeblich alle Nachforschungen. Keinerlei Ergebnisse über viele Wochen hinweg.Misstrauen machte sich breit in der Nachbarschaft. Es blieben offene Fragen in der Familie, die nie geklärt werden konnten. 

Mutter war die Letzte, die immer noch hoffte. Nächtelanges Warten, Grübeln. Wo ist Jan? Es gab keinen Anhaltspunkt, an dem man sich festbeissen konnte, kein Ziel, das anzustreben war.
Die anderen beiden Kinder, die Schwestern des Jungen, waren noch zu klein, um dieses Ereignis wirklich richtig einordnen zu können.
Neunundvierzig Jahre vergebliches Hoffen, wie hält man das durch? Wie übersteht man diese qualvolle Erkenntnis, dass der Sohn fort ist, ohne dass man weiss, wo er letztlich geblieben ist? Wie überlebt man die Gewissheit, dass dieses Kind vielleicht nie mehr in die Arme der Mutter zurückkommt?
Neunundvierzig Jahre. Die Mutter ist längst verstorben, sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihren Jan noch einmal sehen zu dürfen. Es war vergeblich. Die beiden Schwestern haben ihn längst vergessen, erinnern sich nur noch dunkel an den großen Bruder. Die Zeit ist über die Familie hinweggegangen.

***
Iwan Melnikow steht vor der Tür des Rathauses. Seine Einbürgerungsurkunde hält er in den Händen, versucht die Worte zu entziffern, die ihm eine Heimat in einem Land versprechen, das er seit seiner Kindheit niemals mehr gesehen hat. Die wenigen Deutschkenntnisse reichen beileibe nicht aus, alles zu entziffern. Er spricht zwar gebrochen Deutsch, mit stark russischem Akzent, aber zum Lesen bedarf es noch gewaltiger Anstrengung.
Eine fremde Heimat, seine Heimat. Als er seinen Ausreiseantrag in Kasachstan stellte, hatte er noch Träume. Träume von seiner alten Familie, von der er getrennt wurde, seinen Schwestern, seiner Mutter.
Träume von einem Land, das er einst seine Heimat nannte, wunderschöne Landschaften, die in seiner Seele verankert waren. Diese Bilder hat er sich in den Jahren immer wieder vor Augen geführt und seine Sehnsucht hatte ihn dann dazu gebracht, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Nun hält er seinen Personalausweis in der Hand. Er heisst nun Jan Müller! So hieß er ja auch, als er im Alter von dreizehn Jahren nach Kasachstan kam. Dann wurde aus ihm der Melnikow und aus Jan wurde Iwan. Deutschland hat ihn nun wieder. Ist er nun glücklich?
Oftmals hat er darüber nachgedacht. Was ist schon Glück?
Seine Frau, eine liebenswerte Kasachin, starb vor drei Jahren an einem Schlaganfall, erst danach hat er die Ausreise beantragt. Glücklich hier in Deutschland? Wenn er lang genug darüber sinniert, kann er eigentlich nichts dazu sagen. Deutschland ist ein kaltes Land, es hat keine Seele mehr, meint er. Die Menschen hier sehen hauptsächlich nur sich selbst, das Geld und den Luxus, den jeder glaubt, beanspruchen zu müssen.
Die Menschlichkeit ist oftmals auf der Strecke geblieben, wenn er, wie oftmals, von Jugendlichen angepöbelt und als »Russki« beschimpft wird, möchte er am liebsten wieder zurück in die Steppe Kasachstans.
Dort war er Mensch. Hier ist er nur ein drittklassiger Aussiedler.
»Meine Heimat ist Deutschland!« Das sagt er jedenfalls, wenn man ihn fragt.
Was in seinem Herzen vorgeht, darüber schweigt er sich aus ...

©by Wildgooseman

30. Juli 2017

Glück?


Glück zu definieren, ist nicht unbedingt leicht. Wenn man sich zu gewissen Zeiten - sprichwörtlich - in seiner Haut wohlfühlt, ist man dann glücklich? Oder ist allein dieses behagliche Gefühl vielleicht etwas, das man schnell unbewusst als Glücksgefühl benennt?
»Glück ist ein Gefühl, von dem man möchte, dass es möglichst lange oder sogar für immer andauern sollte.«
Clóvis de Barros, ein brasilianischer Philosoph aus Sao Paulo, hat es in einem seiner Vorträge mit ganz einfachen Worten beschrieben.
»... für immer andauern sollte!«
Welch eine Vermessenheit ist es doch, dies zu wollen. Wer weiss denn nicht, wie schnell solch ein Glücksgefühl vorbei geht, wie dieses vermeintliche Glück durch irgendein negatives Geschehen in das Gegenteil verkehrt wird.
Natürlich, der Philosoph de Barros definiert es ja auch mit den Worten »von dem man möchte!«
Was also ist Glück? Das Konzept ist eigentlich ganz einfach.
Wenn wir zu einem Zeitpunkt das Gefühl haben, alles wäre perfekt, wenn es nichts gibt, das wir ändern möchten, wenn wir vollkommen im Einklang mit unserer Natur und unserem Willen sind - dann empfinden wir unser Leben so, das wir es in einem Wort zusammenfassen können: Glück! Sicher schwer zu begreifen.
Ich finde es logisch, dass alles im Leben, das uns glücklich macht, einfach die Summe all der kleinen Momente ist, in denen wir uns gut fühlen.
Es ist aber ja auch klar, dass wir so nicht ständig leben können; deshalb müssen wir versuchen, diese kleinen Augenblicke nicht zu verpassen. Es hat dabei keinen Sinn, etwas Fehlendes zu bereuen, denn dann erhalten diese Momente des Glücks schon wieder einen negativen Touch.
Oft sind wir vom Alltag gestresst. Dann sehnen wir nur das Ende eines Tages herbei oder das Ende der Woche, die wir als schwierig erachten und die wir möglichst schnell aus unserem Zeitgefühl verdrängen wollen.
So manches Mal hilft es wirklich, gute Gedanken auf uns einwirken zu lassen, dabei ist ein guter Freund sehr hilfreich, aber auch Gespräche mit tiefem Hintergrund, ruhige Musik, ein paar schöne Fotos, eine gute Nachricht oder eine Fröhlichkeit, die aus einer Quelle strömt, die wir gar nicht auf unserem Plan haben, können uns aus unserem Tal herausholen.

Da sagt plötzlich jemand irgendwelche dummen Dinge, die wirklich keinen Bezug zu uns haben und wir merken ganz unbewusst, dass wir lachen! Und indem wir diese Fröhlichkeit aufsaugen, spüren wir ganz klar, dass dieses Leben doch einen Sinn macht, weil es uns am Glücksgefühl teilhaben lässt!
Nein, das ist kein naiver Optimismus, so zu denken. Wichtig ist dabei nur, darauf vorbereitet zu sein. Diese unwiederbringlichen Momente sind immer und zu jeder Zeit vorhanden. Dann um sich schauen zu können, stets auf diese kleinen Hinweise zu achten, darauf kommt es dann an.
Wenn diese kleinen glücklichen Minuten nun keine Chancen bekommen, weil wir sie nicht erkennen (können), sind sie verloren. Das ist nun mal der Lauf des Geschehens. Es kann natürlich auch sein, dass die Angst vor dem Ungewissen uns daran hindert, diesen Zipfel des Glücks festzuhalten.
Vorbei ist jedoch immer vorbei; es gibt einfach keine Gelegenheit versäumte Glücksgefühle zurückzuholen. Denn das wäre dann eine völlig neue Situation und bedarf eines uneingeschränkten Neufangs!
Unsere Bezeichnung für Glück hat eine ganze Menge mit unserem Schicksal zu tun. Diese Zufälligkeit des Wortes »Glück«, das nun für uns günstig, oder auch ungünstig ausfallen kann, gibt dem Wort seine Bedeutung. 


           »Glück besteht in der Kunst, sich nicht zu ärgern, dass der Rosenstrauch Dornen trägt, sondern sich zu freuen, dass der Dornenbusch Rosen trägt.«                                                  (arab.Sprichwort)

Wenn wir vom Glück sprechen, meinen wir meist den Zufall den wir herbeisehnen! Den aber können wir nicht beeinflussen. Wohl aber unsere Haltung dazu. Wenn man dem (auch ungünstigen) Zufall Raum gibt, als Glücksmoment aufzutreten, wandelt sich vieles ganz einfach in Glück um!

Ein altes, abgewandeltes Wort von Pearl S. Buck fällt mir dazu noch ein: »Viele Menschen versäumen die kleinen Glücksmomente, während sie auf das große Glück vergebens warten.«

©by Wildgooseman

28. Juli 2017

Ich will!


Ich will hören, sehen.
Was in mir ist, was mit mir ist.
Nein, nicht das, was dort war,
was vielleicht sein sollte.

Zu sagen, was ich denke.
Nicht, was ich denken sollte!
Nicht, was ich sagen sollte,
Was andere hören wollen.

Denn das bin ich nicht,
Das war ich auch nie.
Ich will fühlen, mitfühlen.
Was ich fühle, ist Leben.

Und nicht, was ich fühlen sollte!
Ich will selber fragen,
Was ich möchte und nicht
Um Erlaubnis bitten müssen!

Ich möchte wagen,
Was mich reizt zu wagen.
Ich will nicht immer nur
Sicherheit wählen.

Einfach ausprobieren!
Ja, das will ich.
Und das mache ich.
Auch wenn alles schief geht!

©by Wildgooseman

27. Juli 2017

Insicht


Lücht un Düüsternis

Dat ward ok noch annere Dag geven,
wo de Sünnschien de Eerd küsst.
Dor worrn ok noch annere Minschen leven,
wenn du all langtied nich mehr dor büst.
Dien Güstern weer - un is nich mehr.
Dat hett di seker heel veel geven,
mar, wo moi dat ok wesen weer,
van hüüt av an is dat dien nee’t Leven.
Mit ehr Kinner hett de Tied
nu mol nich mehr groot Barmen,
se froogt nich na de verleeden Tied,
se hollt de Tokunft in ehr Armen.

Dat warr´n ok noch annere Dagen kamen,
wo dat reg´nt up düsse moie Eerd.
Wenn du mol  daalfallst, kanns du opstahn,
uns Eerd de brukt ok Regenweer.




©by wildgooseman
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Du bist da!

Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast! Warum?
Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.
Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen.
Alte Platane
Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke!
Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.
Weisst du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen.
Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein.
Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress.
Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann.
Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber für mich vernehmbares Flüstern:
»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«

©by wildgooseman

17. Juli 2017

Was ist dahinter?

Als kleiner Junge war ich durch eine Hüftgelenkentzündung für einige Monate stark behindert und an ein Gipsbett gefesselt. Heute würde man solch eine Krankheit sicher völlig anders behandeln, damals im Jahre 1940, dem ersten Kriegsjahr, war der Stand der Medizin noch ziemlich von altertümlichen Strukturen durchsetzt.
Es war das Jahr, in dem ich normalerweise eingeschult werden sollte. Daraus wurde dann nichts, darüber war ich sehr traurig, hatte ich mich doch schon wirklich sehr auf die Schule gefreut. Die gefüllte Schultüte lag noch monatelang im Schlafzimmerschrank versteckt und harrte des Tages, da sie in Gebrauch genommen werden sollte.
Meine Großmutter jedoch hatte Erbarmen mit mir! Sie besorgte mir ein Lesebuch (Fibel), Rechenbuch und Schiefertafel! 
Ob man es nun glauben mag oder nicht: Nach bereits drei Monaten konnte ich fließend lesen und schreiben. Jedenfalls  war es mir möglich, den Nachteil der Bettlägerigkeit ganz toll zu kompensieren, so dass ich später bei meiner tatsächlichen Einschulung sofort in die 2.Klasse übernommen wurde.
Mein allererstes Buch, das ich nach etwa vier Monaten selbständig las, war ein Klassiker: 
»Die Schatzinsel« von 
Robert Louis Stevenson. 

Ich erinnere mich noch genau an die ersten Seiten des Buches. Da ich ja kein Wort Englisch konnte, sprach ich die Namen der handelnden Personen recht deutsch aus. 
z.B. der Squire hiess bei mir S-qu-ire, und Jim natürlich Haw-kins. Im Nachhinein zum Schmunzeln, damals war es aber ganz schön schwierig für einen sechsjährigen Jungen, mit diesen Worten umzugehen.
Jedenfalls hatte ich in diesen langen Wochen ausreichend Zeit, mir immer wieder Gedanken zu machen über Dinge, die ich mir nicht erklären konnte. 

Eine Ungereimtheit ist mir da besonders im Gedächtnis geblieben: Das Blau des Himmels! Es hatte auf mich eine unwahrscheinliche Wirkung, eine Art Übernatürlichkeit, die ich damals nicht ergründen konnte. 

Dieses Coelinblau war mir schließlich so vertraut, dass es fast zu mir gehörte. Ich versuchte, hinter dieser Farbe etwas zu erkennen, etwas Greifbares herauszufinden. Was war hinter diesem Blau?

Mit den Wolken, die vor dem Himmelsblau vorbeizogen, wurde dann die ganze Geschichte noch interessanter, das mannigfaltige Spiel der sich ständig wandelnden Wolkenbilder bekam durch die eigene Fantasie stets neue Nahrung.
 Diese fantastische Wirkung des Himmels mit seinen bizarren Cumulus-Wolkengebirgen oder auch das zarte Gespinst der Zirruswolken zieht mich bis zum heutigen Tage immer noch in seinen Bann.
Was aber war dahinter, was verbarg sich hinter den fantastischen Bilder? Was war hinter dem Blau?
Die Erwachsenen, die ich danach fragte, konnten mir keine ausreichende Antwort geben, die meinem frühkindlichen aber überaus wachen Verstand genügen konnte. Wissenschaftliche Erklärungen wären sicher nicht angebracht gewesen, kindhafte dagegen tat ich als Märchen ab. 

Was also blieb davon?
Für den kleinen Jungen, der noch lange ans Bett gefesselt war, blieb die Frage nach dem »Dahinter« eine offene, ungelöste Aufgabe.
Natürlich weiss ich heute, fünfundsiebzig Jahre später, wie dieses Phänomen zu erklären ist.
Aber ich will es einfach nicht wahrhaben! 

Für mich bleibt dieses Rätsel aus der Kinderzeit ein Relikt aus einer Zeit, als man noch an Wunder glaubte.
Und das unendliche Blau des Firmaments hat seine fantasievolle Anziehungskraft auf mich behalten, ohne dass ich noch fragen muss: Was ist dahinter ...

©byWildgooseman

12. Juli 2017

Ich, fünf Verse eines Gedichts


Ich
bin ein Staubkorn im Wüstenwind.
Zwischen bunten Blumen ein kleines Kind.
Der Tau in der Frühe, der auf Wiesen fällt.
Das Licht am Abend, das Gedanken erhellt.

Ich
bin ein Lied, von Millionen gesungen.
Das Klatschen der Hände in Huldigungen.
Eine Welle im Auf und Ab der Gezeiten.
Ein Kometenschweif in unendlichen Weiten.

Ich
bin die aidskranke Frau mit dem hungrigen Blick.
Der alte Mann, der träumt von vergangenem Glück.
Das Strandgut der Zeit, von keinem vermisst.
Der einsame Star, der kein Idol mehr ist.

Ich
bin Hoffnung und Angst am Rande der Zeit.
Der verlorene Glaube in der Dunkelheit.
Der Baum im Walde, den jeder liebt.
Der Morgen, den es vielleicht nicht mehr gibt.

Ich bin auch DU!
Und was ich lasse, was ich tu -
ich bin auch nichts!
Nur fünf Verse eines Gedichts.



©by Wildgooseman